Freitag, 14. Juni 2013

Die kleine Kapelle auf dem historischen Schlossberg

Es ist ein kleiner Hügel in dem kleinen Ortsteil Tettelham der Gemeinde Waging am gleichnamigen See.  Wenn man dort so über die Landstraße fährt, nimmt man ihn erst gar nicht wahr. Zweimal bin daran vorbeigefahren.

Zum Vergrößern auf die Fotos klicken.

Schlossberg in Tettelham bei Waging am See
Ich fuhr auf den Hof des Bauern, der unterhalb des Schlossberges ist. Die Kinder führten mich zu ihrer Mutter, die mit ihrer Schwiegermutter draußen bei Kaffee und Kuchen saß. Ich erkundigte mich nach dem Sonnwendfeuer kommenden Samstag und ob ich wohl mit meinem Wohnmobil auf dem gepflasterten Hof stehen dürfe, wenn ich komme. Die beiden Frauen waren so nett und lustig, sie boten mir sogar an, daß ich unten am Haus der Schwiegereltern stehen darf, da hätte ich wenigstens meine Ruhe. Beide Bäuerinnen haben übrigens  eine Ausbildung zur Meisterin in landschaftlicher Hauswirtschaft. 

Der Sohn der Bäuerin, Christoph (18), fuhr gerade rückwärts mit dem Traktor in den Kuhstall. Hinten dran hing noch ein voller Graswagen. Da hab ich nicht schlecht gestaunt, wie souverän er das gemacht hat. Als er den Motor abgestellt hatte, fragte ich ihn, ob ich auf der Güllegrube stehenbleiben dürfe. Ich durfte.

Ich ging mit Santos den Feldweg hinauf zum 559 m hohen Schloßberg. Ca. 150 Jahre vor Christi Geburt hatten sich in der Gegend schon die Kelten niedergelassen.
Im Hochmittelalter erbauten die Herren von Tettelham auf diesem Hügel eine Burg. Im 14. Jhd. war sie unter dem damaligen Salzburger Erzbischof der Sitz für die Gerichtsbarkeit. Nach einem Brand wurde die Burg zwar wieder aufgebaut, als jedoch das Gericht nach Waging kam, wurde sie dem Verfall preisgegeben.

Der Erzbischof verpachtete dann dem Bauern den Schloßberg mit der Burgruine. Die Nachfahren brannten aus den verbliebenen Burgsteinen Kalk, den sie gut verkaufen konnten. Und so zahlten sie nach und nach Hof und Schloßberg an den Klerus ab.

Nach dem 1. Weltkrieg pflanzten Kriegsheimkehrer  im Jahre 1919 auf dem Schloßberg eine Linde, die sie Friedenslinde nannten.
Im 2. Weltkrieg, am 25. Februar 1944, stürzte ein abgeschossener US-Bomber auf den Schloßberg. Dabei wurde die Friedenslinde von der Tragfläche schwer beschädigt. Eine dicke Narbe im Stamm zeugt noch davon. Alle sechs Fliegersoldaten des Bombers konnten nur noch tot geborgen werden.

Der damals 17jährige Andreas Seehuber (klick)  erlebte im elterlichen Haus, das nur ein paar Meter vom Schloßberg steht, dieses schreckliche Ereignis hautnah mit. Diese furchtbare Erinnerung hat ihn all' die Jahre nicht losgelassen.

Im Jahre 1947 wurde auf dem Schloßberg die Friedenskapelle erbaut. Sie sollte an die vielen jungen Gefallenen erinnern, die im Zweiten Weltkrieg geblieben sind.
 
Friedenskapelle mit Friedenslinde auf dem Hügel


Friedenskapelle mit Glockentürmchen
Im Eingang lag ein Gipfelbuch. Ich setzte mich damit auf die Bank. Als ich den Buchdeckel aufschlug, las ich Folgendes:


Links schrieb der Enkel, rechts die Großmutter

Was war das lieb! Nee, ich war ganz berührt von dem Geschriebenen. Die wunderschönen Zeilen der Seniorbäuerin, die genau das beschrieben, wie man sich gerade in der Stille und mit dem Ausblick fühlt und dann die Kinderschrift, die dazu auffordert, an der Schnur zu ziehen, damit die Glocke läutet.

Ich ging um die Kapelle und fand die Schnur.


Glockenschnur an der Kapellenwand
Fast traute ich mich nicht zu ziehen. Erst ganz vorsichtig, dann kam der erste Glockenton, dann kräftiger, und das Glöckchen läutete und läutete in die Stille des Schloßberges, daß ich richtig ergriffen war. Ich mein', ich hab' noch nie so eine Glocke geläutet. Aber es wird ja hier ausdrücklich darum gebeten. Und so machte ich das auch.

Ich setzte mich wieder auf die Bank und schrieb etwas in das Gipfelbuch. Dann las ich die vier Din-A-4-Seiten, die Andreas Seehuber zur Geschichte und Entstehung geschrieben hat.
An diesem magischen Ort vergißt man die Zeit und möchte nicht mehr weg.


Friedenslinde - gepflanzt 1919
Dann nahm ich noch die schöne Linde auf dem Hügel auf, die ihren Schatten auf die Wiese warf.


Bereit für das Sonnwendfeuer
Die Freiwillige Feuerwehr Otting hat schon das Holz für das Sonnwendfeuer aufgestellt. Da will ich dabei sein, wenn das angezündet wird. Die Feuerwehr sorgt am Samstag auch für Speis' und Trank. Das wird bestimmt schön.

Auf dem Weg zum Hof drückte ich die Eisenzunge der Viehtränke ein, damit Wasser in die Schale lief, für Santos.


Wässerchen für's Schätzelein
Dann besuchte ich noch Anneliese, die Jungbäuerin, um mich zu verabschieden. Sie war gerade im Stall und hörte sich meine Schwärmerei von dem magischen Ort an. 
Anneliese Seehuber vermietet auch an Sommerfrischler, hier ihre Homepage:
Bei'm Hofbauer (klick)

Ich fuhr die paar Meter runter zur Seniorbäuerin, die mir angeboten hatte, mein Mobil am Samstag auf ihrem Platz abzustellen.

Originale Mauersteine der ehemaligen Burg vom Schloßberg
Ein schönes, schattiges Luxusstellplätzchen für mein Wohnmobil! Trefflicher geht's nicht! Von dort ist es nicht weit zum Schloßberg.
Ich freu' mich kaputt!

Ich löcherte Frau Seehuber dann noch mit Fragen. Und so erfuhr ich, daß ihr Mann, Andreas Seehofer, vor Jahren die Angehörigen der abgeschossenen US-Soldaten in Amerika ermittelte. Ihn hatte das schreckliche Erlebnis nicht losgelassen. Er hatte eine schwarze Eisentafel fertigen lassen, auf der die handgeschriebenen Namen der gefallenen Fliegersoldaten stehen. Diese wurde dann anlässlich eines deutsch-amerikanischen Freundschaftstreffens 1988 feierlich in der Kapelle angebracht.




Zwei Kameraden der gefallenen Fliegersoldaten lebten 1988 noch. Zu den Familienangehörigen der umgekommenen US-Soldaten hat die Familie Seehuber noch heute ein herzliches Verhältnis. 

Die Tochter eines der Soldaten ruft noch heute an jedem Heiligabend um eine bestimmte Uhrzeit bei den Seehubers an. Dann singen sie alle gemeinsam am Telefon das weltberühmte Weihnachtslied "Stille Nacht, Heilige Nacht".




Schlossberg von Tettelham (klick)

Kommentare:

  1. Du machst aber auch immer Touren....Super!
    Da oben ist es ja richtig idyllisch, sieht wunderschön aus!
    Und Du lernst ja wirklich Gott und die Welt kennen. toll!
    Schönes Wochenende, Ophelia

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    1. Es ging ja eigentlich nur um einen Parkplatz für mein Wohnmobil, wenn ich zu diesem Sonnwendfeuer fahre. Da ich aber alle Leute anquatsche und Fragen stelle, öffnen sich mir oft Welten, die mich nur zum Staunen bringen.
      Es gibt morgen zwar dort eine große, freigemähte Wiesenfläche, aber mit meinem Mobil in der aufgeweichten Wiese!!? Da kann am anderen Morgen gleich der Christoph mit seinem Traktor kommen und mich rausziehen.
      Auch ein schönes Wochenende und lg. Gisela

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  2. Das ist eine schöne Geschichte, liebe Gisela! Was Du immer alles erfährst, da kann ich nur staunen!
    Liebe Grüße
    Renate D.

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  3. Das ist eine wirklich rührende Geschichte. So birgt sogar das Schlimmste (2. Weltkrieg, Tod von nahen Angehörigen) ein wenig Licht.

    Liebe Grüße
    Einrun

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