Dienstag, 23. April 2013

Er sass an ihres Bettes Rand

In Erinnerung an meine letzte Geschichte, worin ich Goethes "Zauberlehrling" zitierte, fällt mir eine kleine Anekdote ein. Als ich vor ca. 30 Jahren noch immer vom Ruhrgebiet zum Urlaub ins Berchtesgadener Land fuhr, hörte ich nächtens im Autoradio, wie der Radioreporter eine Begebenheit aus Zeiten unserer deutschen Dichter und Denker erzählte.

Was er sagte, war so köstlich, dass ich sofort rechts auf einen Autobahnparkplatz fuhr und mir Zettel und Stift aus dem Handschuhfach kramte und mitschrieb.

Wikipedia - Goethe und Schiller (klick)
Goethe und Schiller waren befreundet. Eines Tages läutete Schiller bei Goethes an deren Frankfurter Haus. Das Mädchen öffnete und sagte, dass die Familie noch zu Tisch sitze. Der gnädige Herr möchte doch im Arbeitszimmer warten.

Schiller setzte sich an Goethes Schreibpult und bemerkte den Anfang eines Gedichts, einen Zweizeiler

Er sass an ihres Bettes Rand
und spielte mit den Flechten.

Da nahm Schiller die Feder und schrieb darunter   

Das tat er mit der linken Hand,
was tat er mit der Rechten?

Find ich witzig.

Obwohl Goethe nur 1,69 m maß und der lange Schiller 1,90 m, stellte man beide Dichterfürsten gleich gross dar.

Schiller war eher der Sturm- und Drang-Typ, der den zehn Jahre älteren Goethe anfangs egoistisch und von unangenehmer Dominanz empfand. Nun ja, Johann Wolfgang kam aus einem guten Stall, aus einer der ersten Familien Frankfurts. Das prägte ihn vielleicht. Auch stellte der Altersunterschied für Schiller ein Problem dar.

Als Schiller dann Goethe bat, ihm bei einer Kulturzeitschrift mitzuhelfen und Goethe einwilligte, besserte sich das Verhältnis. Und nicht nur das, sie wurden richtig dicke Freunde, trotz unterschiedlicher Anschauungen.

Ich will Euch hier nicht mit unseren bekanntesten deutschen Dichterfürsten zutexten, aber vielleicht interessiert es ja den einen oder anderen. Ich komme auch jetzt zum Schluss.

Schiller starb vor Goethe. Und zwar am 9. Mai 1805. Goethe versank in tiefer Trauer und zog sich kurzfristig ins Privatleben zurück. An einen Freund schrieb er, er hätte die Hälfte seines Daseins verloren und dass ein Riss durch sein Leben geht,  
„welchen weder Zeit noch Mitwelt zu heilen im Stande war“.

So kann aus einer anfänglichen Ablehnung zwischen ungleichen Menschen eine dicke Freundschaft werden.  

Kommentare:

  1. Tja, manchmal nähert man sich erst Schritt für Schritt dem anderen an, die Freundschaft wird dann aber umso tiefer....Eine wirkliche Freundschaft, wer hat die heute noch? Wirkliche Freunde sind rar und schwer zu finden!
    Wohl dem, der einen Freund/in hat, was für ein Geschenk des Himmels.
    Liebe Grüße, Ophelia

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  2. Die gleiche Anekdote kenne ich auch, allerdings ist das Ergebnis der gemeinsamen Tätigkeit von Goethe und Schiller minimal anders:
    Sie sass auf ihres Bettes Rand
    und spielte mit Ihren Flechten
    Das tat sie mit der linken Hand
    was tat sie mit der rechten.
    Der Unterschied ist minimal. Plausibel ist, dass SIE Flechten (Zöpfe) hat und nicht ER und dass die beiden Kerle eher geneigt sind, sicheine Frau auf ihres Bettes Rand vorzustellen.

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